Autonomie über alles?

Ist Autonomie das Gegenteil der gemeinsamen Richtung? Und wenn nicht, wie hängt es dann zusammen?

16 Jahre begleitet es uns nun schon, das Manifest der agilen Software Entwicklung. Das erste der vier Statements besagt, wie wir interagieren sollten.

Individuals and interactions over processes and tools - eine guter Ansatz dazu ist das autonome Team.

Das Individuen und Interaktionen wichtig sind, lernen die autonomen Teams recht schnell, doch die Wichtigkeit dieser beiden Punkte gilt genauso zwischen den Teams und vor allem auch für den ganzen Organismus.

Schafft es ein Gesamtorganismus nicht sich zu koordinieren, wird er auf kurz oder lang krank. Nehmen wir als Beispiel den Körper. Ein unkontrolliertes (sich verbreitendes) Wachstum an einer Stelle nennen wir hier Krebs, ein Fehler in der Signalübertragung ein Hormonstörung. Beides kann den gesamten Organismus zerstören.

Also doch keine autonomen Teams?
Ganz einfach: beides!

Doch wenn Autonomie das Gegenteil von Ausrichtung ist, wie soll das denn gehen? Auch ganz einfach: es ist nicht das Gegenteil, es verhält sich rechtwinklig dazu und rechts oben befindet sich unser "Happy spot" - maximale Autonomie mit maximaler Ausrichtung.

Wenn wir autonome Strukturen schaffen fangen wir ganz oft bei Null an. Keine Autonomie, keine Marschrichtung - also links unten.

Es gibt zwei Stellen an denen wir nicht landen wollen: rechts unten und links oben. Rechts unten ist oben beschriebener zerstörter Organismus und links oben sind Organisationen wie z.B. die Mafia zu finden.

Sind wir dort gelandet ist es unmöglich die Organisation auf den "Happy spot" zu transferieren - der Weg ist zu weit, der Kulturwandel zu abrupt - das geht nur in kleinen Schritten.

 Wir müssen theoretisch also einfach nur die Autonomie erhöhen und es gleichzeitig schaffen uns dennoch immer wieder gemeinsam auszurichten - Schritt für Schritt.  Gemeinsam, also im gesamten Organismus. Dann erreichen wir unseren heiß ersehnten "Happy spot".

Aber einfach wäre ja auch zu einfach - es gibt da noch die Entropie.

Nach dem 2ten Hauptsatz der Thermodynamik strebt ein sich selbst überlassenes System stets nach einem Zustand höherer Entropie.

Na super, wer soll das verstehen? Ganz einfach: mit der Entropie verhält es sich wie mit dem Schreibtisch. Wenn ich morgens anfange am Schreibtisch zu arbeiten, ist er aufgeräumt - er ist das System. Wenn ich diesen nun sich selbst überlasse und abends fertig bin mit der Arbeit, findet sich auf dem Schreibtisch ein Chaos vor - er wurde sich selbst überlassen.

Und jetzt kommt das wirkliche Problem: das ist ein Hauptsatz. Das heißt das ist so. Immer. Da kann ich machen, was ich will. Die Entropie erwischt mich - immer und überall - keine Chance - da kann man nichts, aber auch gar nichts dagegen tun. Die Entropie gibt es und sie wirkt - auf jeden Fall.

Dennoch gibt es Menschen, die es schaffen über den gesamten Tag einen aufgeräumten Schreibtisch zu bewahren - wie machen die das? Haben die eine entropiefreie Blase um sich herum? Nein, sie überlassen das System einfach nicht sich selbst. Sie beobachten das System und sobald sie merken, dass es schlimm zu werden droht, räumen sie etwas auf also regulieren das System.

Es ist herzlich egal wer das System beobachtet. Am besten alle ein bisschen, aber mindestens einer. Mindestens diese Person muss dann darauf aufmerksam machen und dafür sorgen, das sich das System entweder selbst ausrichtet oder ausgerichtet wird.

Ausrichten können wir durch unterschiedliche Dinge - Firmenretrospektiven, wiederholte Kommunikation der Werte, klare Kommunikation und Verfolgung der Vision, gemeinsames Finden des True North. Das muss also auf jeden Fall regelmäßig im Gesamtorganismus geschehen. 

Richtet sich die Gesamtorganisation nicht regelmäßig gemeinsam aus, greift die Entropie und der Organismus wird zerstört.